Arbeitsgruppe Hermeneutische Politikdidaktik (AG HP)

Seit November 2005 besteht innerhalb der GPJE die Arbeitsgruppe Hermeneutische Politikdidaktik. Aus einer lockeren Zusammenarbeit u.a. zwischen den GPJE Mitgliedern Karl-Heinz Breier, Carl Deichmann, Ingo Juchler, Hans Werner Kuhn und Thomas Goll hervorgegangen, fand sie ihren Ort zunächst an der Friedrich-Schiller-Universität Jena in Gestalt der von Carl Deichmann ins Leben gerufenen Jenaer Gespräche zur politischen Bildung sowie des Symposiums zur Politikdidaktik (2004-2012), zu denen in jedem Semester Kolleg*innen Vorträge zur hermeneutischen Politikdidaktik beisteuerten. Im Sommersemester 2011 fand hierzu auch eine Ringvorlesung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena statt.

Hermeneutische Politikdidaktik als Forschungsprogramm

Die Hermeneutik gilt als die Methodenlehre der Geisteswissenschaften schlechthin und ist vor diesem Hintergrund vor allem wegen der Bedeutung von Texten, Bildern, Filmen und kommunikativen Handlungen für die Politik eine essentielle Methodologie der Politikdidaktik. Dabei stellt die Zirkelstruktur des Verstehens eine wesentliche Herausforderung für die Deutung von Politik wie auch für das Lernen in der Politischen BIldung dar. Die Bedeutung des Vorverständnisses für das Verstehen bzw. für Lernprozesse allgemein wird durch Ergebnisse kognitionspsychologischer Studien unterstrichen. So werde Wissen erzeugendes Denken nur möglich, wenn bereits Wissen vorhanden ist, welches als Ausgangsmaterial für erweiternde Denkprozesse dienen kann. Anders ausgedrückt und vielfach belegt: Das Vorwissen ist der Prädiktor für den Aufbau neuen Wissens.

Das Erkentnisintereresse der hermeneutischen Politikdidaktik besteht daher erstens in der Erforschung gesellschaftlicher und politischer Deutungen (Selbstinterpretation) sowie in der Untersuchung der Funktion dieser politischen Deutungen für die Bewusstseinsbildung von Jugendlichen. Der hermeneutische Charakter der Politikdidaktik zeigt sich auch darin, dass sie den Zusammenhang zwischen den Deutungen der politischen Elite, den Deutungen in Medien, in sozialen Netzwerken und deren Bedeutung für die Bewusstseinsbildung des Individuums in den Mittelpunkt der Analyse stellt und daraus Rückschlüsse für die zu vermittelnden Einsichten von Schüler*innen zieht.

Zweitens geht es um die Untersuchung und Entwicklung von politikdidaktischen und methodischen Strategien, mit deren Hilfe Jugendliche die politische Realität in ihren verschiedenen Dimensionen verstehen und Handlungsstrategien entwickeln lernen, damit sie ihre Bürgerrolle aktiv wahrnehmen können. Insofern leistet die Politikdidaktik einerseits einen Beitrag zur politischen Kulturforschung, indem sie die Bedeutung von Sprache, Symbolen (symbolischer Politik) von Personen (und deren Deutungen) und Institutionen für die Bewusstseinsbildung Jugendlicher untersucht. Andererseits trägt sie zur Weiterentwicklung der demokratischen politischen Kultur bei, indem sie aus den Untersuchungen politikdidaktische Konsequenzen für die Praxis politischer Bildung zieht.

Das Erkenntnisinteresse (erkenntnistheoretischer Ausgangspunkt, Methode und Ziel) einer hermeneutischen Politikdidaktik lässt bestimmte Forschungsgegenstände in ihrer Bedeutung für die politische Bildung in besonderer Weise in den Mittelpunkt treten:

  • Die Bedeutung der politischen Sprache (derjenigen der Politiker*innen, der Bürger im Alltag, der Lehrer*innen und Schüler*innen im Unterricht) für die Bewusstseinsbildung;
  • die Überprüfung von Methoden der politischen Bildung unter dem Gesichtspunkt, ob diese wirklich zum Sinnverstehen politischer Prozesse und Institutionen beitragen;
  • die Förderung der Entwicklung des politischen Deutungs- und Ordnungswissens bei Schüler*innen mit Hilfe analytischer und normativer Kategorien;
  • die Untersuchung und Förderung fächerübergreifenden Lernens unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung politischen Deutungswissens und politischen Sinnverstehens;
  • der Vergleich politikdidaktischer Konzeptionen und Medien für die politische Bildung im europäischen Rahmen;
  • die verstärkte Behandlung klassischer Texte, um damit das politische Deutungswissen zu fördern, indem politische Phänomene im gesellschaftlichen und historischen Kontext verstanden werden;
  • die Beschäftigung mit Klassikern der Erziehungswissenschaft und der politischen Bildung;
  • die verstärkte Untersuchung der Bedeutung politischer Bildung und politischer Erziehung in verschiedenen politischen Ordnungen.

Publikationen

In einer ersten Publikation sind Forschungsergebnisse der hermeneutischen Politikdidaktik mit unterrichtspraktischen Hinweisen zusammengetragen:

  • Deichmann, Carl/Juchler, Ingo (Hrsg.) (2010): Politik verstehen lernen. Zugänge im Politikunterricht, Schwalbach/Ts.

Ebenfalls enthalten die folgenden Publikationen Beiträge, die in der hermeneutischen Politikdidaktik zu verorten sind und die sich z.T. mit der o.g. Ringvorlesung thematisch überschneiden:

  • Deichmann, Carl/Tischner, Christian K. (Hrsg.) (2013): Handbuch Dimensionen und Ansätze in der politischen Bildung. Schwalbach/Ts.
  • Deichmann, Carl/Tischner, Christian K. (Hrsg.) (2014): Handbuch Fächerübergreifender Unterricht in der politischen Bildung. Schwalbach/Ts.

Darüber hinaus erlauben wir uns, auf die folgenden Publikationen hinzuweisen, die im Rahmen der Tätigkeiten der AG entstanden sind:

  • Deichmann, Carl (2015): Der neue Bürger. Politische Ethik, politische Bildung und politische Kultur. Wiesbaden.
  • Deichmann, Carl/May, Michael (Hrsg.) (2016): Politikunterricht verstehen und gestalten. Wiesbaden.
  • Deichmann, Carl/May, Michael (Hrsg.) (2019): Orientierungen politischer Bildung im "postfaktischen Zeitalter". Wiesbaden.
  • Deichmann, Carl/Partetzke, Marc (Hrsg.) (2018): Schulische und außerschulische politische Bildung Qualitative Studien und Unterrichtsbeispiele hermeneutischer Politikdidaktik. Wiesbaden.
  • Deichmann, Carl/Partetzke, Marc (Hrsg.) (i.E.): Demokratie im Stresstest Reaktionen von Politikdidaktik und politischer Bildung. Wiesbaden.
  • Juchler, Ingo (Hrsg.) (2015): Hermeneutische Politikdidaktik. Perspektiven der politischen Ethik. Wiesbaden.
  • Juchler, Ingo (Hrsg.) (2018): Politische Ideen und politische Bildung. Wiesbaden.
  • Juchler, Ingo (Hrsg.) (2020): Politik und Sprache. Handlungsfelder politischer Bildung. Wiesbaden.

Ansprechpartner

Prof. em. Dr. Carl Deichmann
Friedrich-Schiller-Universität Jena
E-Mail: Carl.Deichmann@uni-jena.de

 

Prof. Dr. Marc Partetzke 
Stif­tung Uni­ver­si­tät Hildesheim
Fach­be­reich 1: Erzie­hungs- & Sozialwissenschaften
Insti­tut für Sozialwissenschaften
Abtei­lung Politikwissenschaft
Uni­ver­si­täts­platz 1
D‑31141 Hildesheim
Tel.: +49 5121–883-10760
E‑Mail: partetzke@uni-hildesheim.de

Prof. Dr. Thomas Goll
Technische Universität Dortmund
Fakultät 12 Erziehungswissenschaft und Soziologie
August-Schmidt-Str. 6
D-44227 Dortmund
Tel.: (+49)231 755 6580
E-Mail: thomas.goll@fk12.tu-dortmund.de

Prof. Dr. Ingo Juchler
Universität Potsdam
Lehrstuhl für Politische Bildung
August-Bebel-Straße 89
D-14482 Potsdam
Tel.: (+49)331 9773702
E-Mail: juchler@uni-potsdam.de

Dr. Wer­ner Friedrichs
Aka­de­mi­scher Direktor
Fakul­tät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften
Otto-Fried­rich-Uni­ver­si­tät Bamberg
Feld­kir­chen­straße 21
96045 Bamberg
E‑Mail: werner.friedrichs@uni-bamberg.de